Gemeinsamer offener Brief mit dem Kurdischen Studierendennetzwerk (KSN)

Deutsche Version:

Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf versteht sich als Ort von Bildung, Solidarität und internationaler Verantwortung. Vor diesem Hintergrund wenden wir uns gemeinsam als Kurdisches Studierendennetzwerk und StuPa mit großer Sorge an die Hochschulöffentlichkeit.

Die aktuelle Lage in Rojava sowie in Rojhelat* ist geprägt von massiver Gewalt, systematischer Repression und schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen. In Rojava kommt es derzeit zu Angriffen durch das syrische Regime und mit ihm verbündete jihadistische Milizen. Dabei werden gezielt Zivilist:innen angegriffen, es kommt zu Hinrichtungen, Enthauptungen und weiteren Kriegsverbrechen. Nachweislich sind auch IS-Terroristen an diesen Angriffen beteiligt. Die Bevölkerung in Rojava, hatte den IS zuvor unter enormem Blutzoll territorial in Syrien besiegt und damit einen entscheidenden Beitrag zur regionalen und internationalen Sicherheit geleistet.

Mehrere kurdische Städte im Norden Syriens sind aktuell belagert, die humanitäre Versorgung ist weitgehend zusammengebrochen, und es droht eine akute humanitäre Katastrophe. Ebenso sind das drusische Gebiet Suwayda, das alawitisch besiedelte Küstengebiet sowie die christliche Bevölkerung von Massakern betroffen. Auch Bildungseinrichtungen sind unmittelbar betroffen: Universitäten und Hochschulen, etwa in Kobanê und Qamişlo, können ihren Lehrbetrieb gar nicht aufrechterhalten. Studierende vor Ort sind gezwungen, ihr Studium zu unterbrechen, da Bombardierungen, Belagerungen und Unsicherheit einen geregelten Universitätsalltag unmöglich machen. Bildung, die ein zentrales Element von Selbstbestimmung und Zukunft darstellt, wird gezielt zerstört.

Auch in Rojhelat ist die Situation gravierend. Das iranische Regime geht mit extremer Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vor. In den vergangenen Wochen wurden zehntausende Menschen, darunter auch Studierende, ermordet, insbesondere im Zuge von Protesten. Massive Repression, gezielte Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten sowie Internetabschaltungen, was einen beinahe kompletten Kommunikations- sowie Informationsstopp zur Folge hat, verhindern, dass das volle Ausmaß der Verbrechen international sichtbar wird. Kurd:innen gehören zu den besonders betroffenen Gruppen.

Für viele kurdische Studierende ist die HHU ein Ort des Studiums geworden, nachdem sie selbst vor Krieg, politischer Verfolgung und Repression fliehen mussten. Zahlreiche Studierende haben Familie in Rojava oder Rojhelat und leben aktuell in ständiger Angst um das Leben und die Sicherheit ihrer Angehörigen. Diese Sorgen enden nicht an den Grenzen Deutschlands, sondern prägen den Alltag, das Sicherheitsgefühl und die Studierfähigkeit der Studierenden auch hier auf dem Campus.

Gleichzeitig beobachten wir mit großer Besorgnis, dass es auch an deutschen Hochschulen und leider auch an der HHU vermehrt zu Anfeindungen gegen Kurd:innen kommt. Uns liegen Berichte kurdischer Studierender vor, die von feindseligen Handlungen, Einschüchterungsversuchen und verbalen Angriffen durch Kommiliton:innen berichten. In einigen Fällen wird das brutale Vorgehen des syrischen Regimes relativiert oder offen gerechtfertigt. Die Relativierung von Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die kurdische Zivilbevölkerung hat an einer Universität keinen Platz.

Diese Vorfälle führen dazu, dass sich betroffene Studierende auf dem Campus zunehmend unsicher fühlen und sich aus Angst vor weiteren Anfeindungen zurückziehen. Antikurdischer Rassismus ist real, auch im Hochschulkontext. Entsprechende Fälle haben wir an die Informationsstelle Antikurdischer Rassismus (IAKR) weitergeleitet, die diese bundesweit dokumentiert.

Wir fordern daher ein klares, öffentliches und solidarisches Handeln. Es braucht eine deutliche Positionierung gegen antikurdischen Rassismus, gegen die Relativierung von Gewaltverbrechen und gegen jede Form von Einschüchterung und Diskriminierung auf dem Campus. Die Heinrich-Heine-Universität muss ein sicherer Raum für alle Studierenden bleiben, unabhängig von Herkunft und Religion. Wir stehen für einen konstruktiven Austausch zur Verfügung und erwarten, dass die geschilderten Sorgen ernst genommen und entsprechende Maßnahmen geprüft und eingeleitet werden.

Mit freundlichen Grüßen,

Vorstand des Kurdischen Studierendennetzwerks Düsseldorf (KSN)

 

English version:

Heinrich Heine University Düsseldorf sees itself as a place of education, solidarity, and international responsibility. Against this backdrop, we — together as the Kurdish Student Network and the Student Parliament — address the university community with great concern.

The current situation in Rojava as well as in Rojhelat* is marked by massive violence, systematic repression, and severe human rights violations. In Rojava, there are currently attacks by the Syrian regime and allied jihadist militias. Civilians are being deliberately targeted; there are executions, beheadings, and other war crimes. It has been proven that ISIS terrorists are also involved in these attacks. The population in Rojava had previously defeated ISIS territorially in Syria at enormous human cost, thereby making a decisive contribution to regional and international security.

Several Kurdish cities in northern Syria are currently under siege, humanitarian aid has largely collapsed, and an acute humanitarian catastrophe is looming. Similarly, the Druze region of Suwayda, the Alawite-populated coastal area, as well as the Christian population are affected by massacres. Educational institutions are also directly affected: universities and colleges, for example in Kobanê and Qamishlo, are no longer able to maintain their teaching operations. Students on the ground are forced to interrupt their studies, as bombardments, sieges, and insecurity make a regular university life impossible. Education, which represents a central element of self-determination and future prospects, is being deliberately destroyed.

The situation in Rojhelat is also severe. The Iranian regime is using extreme violence against its own population. In recent weeks, tens of thousands of people, including students, have been killed, particularly in the context of protests.

Massive repression, targeted violence against ethnic and religious minorities, as well as internet shutdowns — which result in an almost complete halt of communication and information — prevent the full extent of these crimes from becoming visible internationally. Kurds are among the groups most affected.

For many Kurdish students, HHU has become a place of study after they themselves were forced to flee war, political persecution, and repression. Numerous students have family members in Rojava or Rojhelat and are currently living in constant fear for the lives and safety of their relatives. These concerns do not end at Germany’s borders but shape everyday life, the sense of security, and the ability to study here on campus.

At the same time, we observe with great concern that there has been an increase in hostility toward Kurds at German universities, and unfortunately also at HHU. We have received reports from Kurdish students describing hostile acts, intimidation attempts, and verbal attacks by fellow students. In some cases, the brutal actions of the Syrian regime are downplayed or even openly justified. The relativization of war crimes and violence against the Kurdish civilian population has no place at a university.

These incidents are causing affected students to feel increasingly unsafe on campus and to withdraw out of fear of further hostility. Anti-Kurdish racism is real, including in the university context. We have forwarded relevant cases to the Information Center on Anti-Kurdish Racism (IAKR), which documents such incidents nationwide.

We therefore call for clear, public, and supportive action. There must be a firm stance against anti-Kurdish racism, against the relativization of violent crimes, and against any form of intimidation and discrimination on campus. Heinrich Heine University must remain a safe space for all students, regardless of origin or religion.

We are available for constructive dialogue and expect that the concerns described will be taken seriously and that appropriate measures will be considered and implemented.

Sincerely,

Executive Board of the Kurdish Student Network Düsseldorf (KSN)